Gründungsmythos Bardentreffen

„Die Idee lag offensichtlich in der Luft“ erzählt das Programmheft zum 50. Jubiläum des Bardentreffens genauso kurz wie nebulös von dessen Entstehung, benennt auch gleich jemanden, der für sich „den zündenden Gedanken bis heute beansprucht“ (so wie Trump bis heute Grönland beansprucht?) und fährt fort: „aber zum Gründungsmythos gehören offensichtlich mehr Beteiligte: Johannes Härtel, Leo Loy und Herbert Walshöfer zum Beispiel, die das Format auf die Beine stellten“.

Die zum runden Jubiläum auf zehn schmale Druckzeilen gestutzte Gründungsgeschichte verweist sich mit dieser Wortwahl aber wenigstens auch gleich in die passende Rubrik: „Mythos“ filtert die Realität durch die Brille von Religion oder Politik und verändert Fakten, um Sinn zu stiften (Google-Begriffserklärung).

Solchen Sinn hatte das Bardentreffen-Büro schon zum letzten runden Jubiläum gestiftet, als es im Programmheft 2015 erstmals die Erfinder-Story von den drei Stammtischbrüdern Härtel, Loy und Walchshöfer präsentierte, die in ihrer Sebalder Altstadt-Kneipe „die Idee zum ersten Bardentreffen geboren“ hätten; Nürnbergs Kulturreferentin führte dazu noch aus, dass sich das Bardentreffen inzwischen von einem „regionalen Sängerwettbewerb zu Deutschlands größten Weltmusikfestival entwickelt“ habe. Das letztere stimmt ja; aber wer hatte sich den Unsinn vom Start als fränkischer Provinzwettbewerb ausgedacht?

Wahrscheinlich erklärt sich das mit der Sachbehandlung im Gründungsjahr 1976 und einem Präludium in zwei Sätzen; der erste:

Zum bevorstehenden 400. Todestages des „Meistersingers“ Hans Sachs (1494 – 1576) hatte der Journalist Helge Cramer bereits 1974 in der Nürnberger „Abendzeitung“ das erste Konzept entwickelt, diesen „Ur-Barden“ mit einem zeitgemäßen Sängerwettstreit zu feiern: junge Leute aus der ganzen Republik, wie sie damals großstädtische Fußgängerzonen mit Gitarre, Folksongs und gelegentlich auch eigenen Liedern beschallten und damit von Ordnungsämtern oft und gerne auch des Platzes verwiesen wurden, doch stattdessen einmal ganz gezielt einzuladen. Ein paar Tage lang handgemachte Musik in allen Gassen und als Höhepunkt ein bundesweiter „Meistersinger-Wettstreit“ dieser Amateurbarden vor einer Jury etablierter Liedermacher, unter freiem Himmel und natürlich eintrittsfrei inszeniert auf dem als „schönster Platz Deutschlands“ gerühmten Altstadt-Platz am Dürerhaus, mit auszulobendem Peis für den/die Besten sowie freie Kost & Logis für die Teilnehmer im städtischen Jugendgästehaus. Ein Umsonst & Draußen – Festival mit vorhersehbar überregionaler Medien-Aufmerksamkeit für ein solches in Deutschland erstmaliges Event, ggf. auch BR-Beteiligung und natürlich gesponsert von der Abendzeitung. Dieses Konzept legte er am 3. März 1975 dem Kulturamt der Stadt vor; zu dem Zeitpunkt war er grade (wie andere Kolleginnen auch) vom Verlag betriebsbedingt entlassen worden, während geschmeidigere Kollegen noch bleiben durften. Auch sein Konzept blieb in der Redaktion; er selbst fand sofort seinen Anschluss-Job beim Bayerischen Fernsehen.

Zweiter Satz: Gut ein halbes Jahr danach legten sein früherer AZ-Kollege Leo Loy und Herbert Walchshöfer als Vertreter des Nürnberger Verkehrsvereins dem Kulturamt ein bereits als Ausführungskonzept ausgearbeitetes Projekt erstaunlich identischen Inhalts vor: Mehrtägiges Umsonst & Draußen – Festival der Amateurbarden auf Straßen und Plätzen der Altstadt, Wettbewerb mit Preisen für den/die Besten, finaler Meistersinger-Wettstreit vor Jury und großem Publikum auf dem Platz vor dem Dürerhaus sowie freie Kost & Logis im städtischen Jugendgästehaus; mit dem Bayerischen Rundfunk als Ko-Veranstalter und natürlich gesponsert von der Abendzeitung. Aber die Jury sollte statt etablierter Liedermacher mit lokalen Promis besetzt sein, und es sollte vor allem auch kein bundesweites, sondern ein regionales Liedermacherfest mit ausschließlich fränkischen Wettbewerbern werden.

Cramer hatte noch im Herbst ’75 von der klandestinen Aneignung und Verstümmelung seines Projekts erfahren, dagegen in BR-Redaktionen interveniert und sich weiter eingemischt; das überregionale Konzept samt bundesweitem Wettbewerb setzte sich (mit Münchener BR-Unterstützung und einigen Änderungen) schließlich durch.

Das 1. Nürnberger Bardentreffen endete am 8. August 1976 als überwältigender Publikumserfolg, mit begeistertem Medien-Echo selbst im Ausland und mit dem schon festen Entschluss, dieses Festival auf keinen Fall als einmalig abzuhaken. Ob ein bloß regionales Liedermacherfest mit seinem fränkischem Sängerwettstreit auf Anhieb überregionale Aufmerksamkeit, derartigen Erfolg und damit dann auch seine heute fünfzigste Fortsetzung gezeitigt hätten, ist wohl eher zweifelhaft (auf der Wettbewerbsbühne präsentierten sich damals von 25 Teilnehmern gezählt vier aus Franken und nur eine davon unter den ersten Zehn; bei solcher Quote mag man sich heute die überschäumende Begeisterung an einer bloß fränkischen Veranstaltung jedenfalls lieber nicht vorstellen).

Vier Monate danach veröffentlichten Herbert Walchshöfer (Verkehrsverein) und Johannes Härtel (Presseamt) in den Nürnberger Nachrichten wider besseres Wissen, aber im Namen der Stadt eine amtliche Verunglimpfung Cramer sei überhaupt nicht Urheber, geschweige denn Mitorganisator des Bardentreffens; vielmehr zeichneten dafür „ausschließlich der Verkehrsverein und das Presse- und Informationsamt der Stadt verantwortlich. Die Veranstaltung basierte auf einer Idee des Verkehrsvereins, die das Presseamt sofort aufgegriffen hatte, um die Organisationsarbeiten der städtischen Dienststellen abstimmen zu können.“ Erst danach habe Cramer beim Kulturamt der Stadt eine „Idee“ eingebracht, die „jedoch in den wesentlichsten Punkten ganz erheblich von den Vorstellungen der Veranstalter“ abwich; sie „erschien – gelinde gesagt – nicht ausgereift genug und widersprach darüber hinaus größtenteils den bereits sehr konkreten Planungen“.

Das waren wissentlich falsche Tatsachenbehauptungen. Bei Einreichung ihres Konzepts im September 1975 hatte das Kulturamt ihnen bereits mitgeteilt, dass ein ganz ähnlicher Vorschlag dort schon längst vorliege; wie sie selbst schreiben kannten sie dieses Papier vom März 1975 auch. Die Nürnberger Nachrichten mussten auf gerichtliche Anordnung eine Gegendarstellung abdrucken.

Damit war’s dann aber auch gut. Bis Loy und Härtl (Walchshöfer war inzwischen verstorben) zum 40. Jubiläum ihren Erfinder-Anspruch wieder auspackten und das Festival-Programmheft eine Legende präsentierte, die sie vier Jahrzehnte vorher selber noch gar nicht kannten: während sie damals von einer Idee des Verkehrsvereinssprachen, der die anderen beiden damit erst mit ins Boot holte, heckten sie diese Idee jetzt plötzlich gemeinsam am Wirtshaustisch aus: An kalten Winterabenden, heimelig hinter den (Butzen?)Scheiben des Bräustübl in der Sebalder Altstadt … Die Story wurde begeistert aufgegriffen; Ehrenempfang für Loy und Härtl samt Pressefotos mit OB am Eröffnungsabend, breite Medien-Resonanz in Regionalzeitungen, bundesweiter Presse, Funk/TV und online. Pünktlich zum Erscheinen des Jubiläumsprogramms 2026 breitete der Webauftritt des Bayerischen Rundfunks als offizieller Bardentreffen-Medienpartner diese Legende nochmals vollständig aus, sodass auch im Klartext präsent blieb, was das Programmheft nur andeutete.

Bleibt noch zu erwähnen, dass der Stadt und ihrem Projektbüro die hier benannten Nachweise mindesten seit zehn, vermutlich jedoch schon seit über 50 Jahren vorliegen. Warum sie trotzdem unbeirrt von Fakten und Akten an ihrem Gründungsmythos festhalten ist noch ein wohlgehütetes Geheimnis. Aber zumindest können sie sich damit ja auf ihr altfränkisches Traditionsbewußtsein berufen: Schon der Mythos von der Nürnberger Erfindung der Taschenuhr wurde hier jahrhundertelang als Geschichte gepflegt.